Zum Flügel braucht man Flügel!

Disclaimer:
Ich kenne keine der in der Geschichte vorkommenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Jegliche Handlungen entspringen meiner Fantasie und ich möchte niemandem damit zu nahe treten. Jeder gehört nur sich selbst. Ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld. Allerdings erhebe ich Anspruch auf die Urheberrechte der von mir geschaffenen Charaktere und Handlungsabläufe.

 

Zärtlich strich Björn Mario immer wieder durch die Haare und über den Rücken. Dabei murmelte er beruhigende Worte und hielt ihn einfach fest. Lange Zeit später versiegten Marios Tränen endlich und er wurde wieder ruhiger. Doch Björn hatte seine Arme immer noch um ihn gelegt.

„Deinen Arm muss sich ein Arzt ansehen Mario.“, erklärte er schließlich leise.

„Keinen Arzt!“, erwiderte er nur und schmiegte sich näher an Björn heran.

Ganz so als würde er Schutz suchen. Björn seufzte nur unhörbar und festigte seinen Griff um ihn.

„Dann tu mir wenigstens den Gefallen und lass Anssi deinen Arm ansehen.“

„Anssi?“, fragte Mario leise nach.

„Ja! Anssi Ørri, er ist der Physiotherapeut unseres Teams. Ich wäre zwar beruhigter, wenn du zu einem Arzt gehst und dich untersuchen lässt aber das wäre zumindest eine Alternative.“

Da Mario in diesem Moment bewusst wurde, dass sich Björn wirklich Sorgen um ihn machte schluckte er nur hart und nickte dann leicht. Direkt spürte er jedoch wie er ihm nochmals durch die Haare strich und schließlich erleichtert lächelte. In diesem Moment war Mario kurz davor wieder in Tränen auszubrechen. Er war fast 17 Jahre alt, aber es war das erste Mal, dass es wirklich jemanden gab der sich Sorgen um ihn und sein Wohlbefinden machte.

„Danke!“, flüsterte Björn nur.

Über einen etwas abseits gelegenen Fußweg gingen die beiden kurz darauf wieder in die Stadt zurück. Die gesamte Zeit über sprachen sie dabei kein Wort. Doch Björn musste zugeben, dass ihn die Stille unruhig werden lies. Er hatte Angst um Mario und wollte nichts mehr als wissen was passiert war. Denn aus einem seltsamen Grund heraus hatte er den Eindruck, dass diese Verletzung mit ihm selbst zu tun hatte.

„Sagst du mir eigentlich woher die Verletzung kommt?“, platzte es aus ihm heraus als er die Stille nicht mehr aushielt.

Mario seufzte daraufhin nur leise und sah zu Boden.

„Er hat uns gesehen!“, murmelte er dann.

„Wer…?“, setzte Björn nur an bevor ihm klar wurde was er meinte. „Oh nein!“

„Oh doch!“, erwiderte Mario bitter. „Ich hab ihn schon lange nicht mehr so sauer erlebt.“

„Oh Mario! Das tut mir so…“

Bevor er seinen Satz beenden konnte hatte er sich jedoch zu ihm umgedreht und Björn einen Finger auf die Lippen gelegt.

„Sag das nicht! Bitte entschuldige dich nicht dafür! Nicht für einen so schönen Moment der mir soviel Kraft gegeben hat.“

„Wenn ich mich für etwas entschuldigen würde, dann dafür was aus dieser Situation entstanden ist. Das was ich getan habe bereue ich nicht, überhaupt nicht. Und das Abendessen schulde ich dir auch noch.“

„Ich bin so froh, dass ich dich getroffen hab.“, erklärte Mario leise und lächelte leicht.

„Wir beide werden jetzt deinen Arm ansehen lassen und danach machen wir uns einen schönen Abend.“

„Ich will dich nicht noch mehr in all das hineinziehen Björn. Mein Vater…“

Björn schüttelte daraufhin nur den Kopf.

„Mario, ich hab dir schon mal gesagt, dass ich dich kennen lernen möchte. Mir geht es um dich und nicht um deinen Vater.“, erwiderte er entschieden.

Bevor Mario nun antworten konnte fiel ihm auf, dass sie bereits vor dem ‚Bischofshofen’, dem Mannschaftshotel der norwegischen Mannschaft, standen. Zielsicher ging Björn dann auf eines der Zimmer zu, dort klopfte er auch an die Türe. Nur wenige Minuten später öffnete ein junger Mann die Türe. Mario schätzte ihn auf Mitte dreißig, freundlich lächelnd und gleichzeitig besorgt sah er Björn an.

„Hallo Björn! Was ist kann ich etwas für dich tun? Hast du Probleme mit deinem Knöchel?“

„Nein!“, er schüttelte nur den Kopf. „Du müsstest mir einen Gefallen tun Anssi.“

„Klar! Womit kann ich dir helfen?“, wollte Anssi dann wissen und öffnete die Türe damit Björn eintreten konnte.

„Es geht nicht um mich, es geht um ihn.“, erwiderte er und deutete auf Mario der an der Flurwand lehnte und die beiden beobachtete. „Anssi, das ist Mario Innauer, ein Kollege aus dem Team Österreich. Mario das ist Anssi.“

Verwirrt sah Anssi kurz zwischen Mario und Björn hin und her. Mit einem leisen Seufzen trat er dann endgültig aus der Türe und lies sie in das Zimmer.

„Würdest du mir bitte erklären was hier los ist Björn?“, wollte Anssi schließlich wissen und setzte sich auf den Sessel im Raum, Björn und Mario ihm gegenüber.

„Könntest du dir Marios Handgelenk ansehen?“

„Sicher!“, meinte er nur. „Aber das Team Österreich hat doch selbst sehr gute Betreuer…“

„Es ist eine lange Geschichte, aber es wäre gerade wichtig, dass es unter uns bleibt.“

Ernst sah Anssi die beiden dann an.

„Habt ihr Probleme? Kann ich euch irgendwie helfen?“

„Danke Anssi! Aber das ist nicht nötig. Es wird sicher alles wieder in Ordnung kommen.“, murmelte Björn.

„Gut! Wenn was ist dann sag es einfach, ja?“

„Klar!“, lächelte Björn.

Somit stand Anssi auf und kniete sich vor Mario.

„Würdest du bitte deine Jacke ausziehen?“

Er nickte daraufhin nur und versuchte aus der Jacke zu schlüpfen. Als er das Handgelenk dabei bewegte kam der Schmerz direkt wieder zurück, fest presste er die Augen zusammen. Plötzlich spürte Mario jedoch ein Paar warme Hände die ihm vorsichtig den Ärmel der Jacke auszogen. Als er aufsah blickte er direkt in Björns Augen, genau erkannte er die Besorgnis darin. Schließlich nahm Anssi vorsichtig Marios Hand in seine und besah sie. Schließlich atmete er hörbar aus.

„Das was ich jetzt tue wird wehtun Mario. Aber ich muss es machen, ich muss nach den Knochen des Gelenks und der Hand tasten um zu sehen ob sie verletzt oder sogar gebrochen sind.“

„Ist gut!“, antwortete Mario nur.

Doch das Zittern konnte er nicht ganz aus seiner Stimme nehmen. Kurz darauf hatte Anssi seine Finger in Marios Haut gedrückt. Dieser keuchte kurz auf als ihm der Schmerz den Atem nahm. Direkt war Björn aber an seiner Seite und hatte die unverletzte Hand in seine genommen.

„Geht’s?“

„Geht schon!“, antwortete Mario durch zusammengepresste Zähne.

Wenig später hatte Anssi auch bereits seine Untersuchung abgeschlossen, vorsichtig legte er Marios Hand auf die Lehne des Sessels auf dem er saß. Dann seufzte er leise.

„Anssi?“, fragend sah Björn ihn an.

„Ich würde dringend dazu raten, dass er das Gelenk und die Hand röntgen lässt.“

„So schlimm?“

„Ich kann keine genaue und abschließende Diagnose stellen, zudem bin ich auch kein Arzt Björn. Aber nachdem was ich tasten kann, gehe ich davon aus, dass zumindest das Kahnbein gebrochen ist. Wenn nicht sogar mehrere Knochen betroffen sind.“, seufzte Anssi.

„Und das es nur ein Bänderriss ist?“

„Glaub ich leider nicht. Wenn das Band reißt dann würde das gesamte Gelenk instabil und es würde zu einem starken Bluterguss in das umliegende Gewebe kommen. Und an der Stelle wo das Band gerissen ist würde sich eine sichtbare Delle bilden. Aber typisch für einen Bruch ist eben nur die Schwellung und der Schmerz, sei es bei der Bewegung oder bei direktem Druck auf den Knochen.“

„Was wäre die Ursache für so eine Verletzung?“, wollte Björn angespannt wissen.

„Die hauptsächliche Ursache für einen Kahnbeinbruch wäre direkte Gewalteinwirkung. Also beispielsweiße wenn du stürzt und versuchst dich mit der ausgestreckten Hand abzufangen.“

Mit tiefer Besorgnis in seinem Blick hatte sich Björn schließlich vor Mario gekniet und suchte den Blickkontakt zu ihm.

„Mario bitte! Sag mir was passiert ist. Du bist bei den Sprüngen nicht gestürzt und in der Sprungpause war ich bei dir. Was ist passiert?“

„Er hat uns gesehen, er hat mich zur Rede gestellt, er hat mich geohrfeigt und weil ich nicht damit gerechnet hab bin ich nach hinten gestolpert und gefallen. Und der Rest ist so wie es Anssi gesagt hat. Ich wollte mich abstützen und das wars.“, erklärte Mario.

Dabei war es ihm jedoch anzusehen wie schwer ihm all das fiel.

„Dieser miese Bastard!“, flüsterte Björn erschüttert.

Geschockt sah Anssi ihn nur an, Mario hatte währenddessen seinen Kopf gesenkt und sprach nicht mehr.

„Ich fass das nicht! Ich fass das einfach nicht!“, wiederholte Björn nur.

Erst als er das leichte Zittern von Marios Schultern erkannte bekam er sich wieder in den Griff. Vorsichtig zog er ihn in seine Arme und hielt ihn während Mario bittere Tränen weinte.

„Also was schlägst du jetzt vor Anssi?“, fragte Björn leise als er Mario fest gegen sich gedrückt hielt.

„Krankenhaus, Röntgen und eventuell einen Gips oder zumindest eine Schiene.“

„Nein!“

Überrascht sah Björn Mario nur an als dieser sich plötzlich straffte und aufrichtete.

„Ich muss morgen auf die Schanze Björn! Und ich kann nicht mit Gips springen!“

„Mario bitte!“, murmelte Björn hilflos.

„Es geht nicht anders! Und das weißt du! Wenn ich morgen nicht springe wird alles noch viel schlimmer!“

Schließlich sahen beide Anssi an. Dieser zuckte nur kurz mit den Schultern.

„Ich kann das Gelenk tapen, auch wenn ich es nicht gerne tue. Und es wird auch nicht lange so halten. Dafür könntest du am Springen morgen teilnehmen. Aber danach musst du unbedingt zu einem Arzt.“

„Gut!“, entschieden nickte Mario nur.

Björn erwiderte dazu gar nichts mehr, vielmehr lehnte er sich gegen einen der Schränke im Zimmer und sah ihn mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck an. Die gesamte Zeit über beobachtete Anssi wie Mario den Blickkontakt zu Björn hielt und sie sich über Blicke zu verständigen schienen. Dabei wurde ihm zum ersten Mal bewusst, dass er eigentlich keine Ahnung davon hatte was hier gerade passiert war. Mit einem Kopfschütteln nahm er schließlich das Klebeband aus seiner Reisetasche und wickelte es straff um Marios Hand und das Gelenk.

„Fertig!“

„Danke!“, murmelte Mario leise.

Anssi nickte daraufhin nur. Nur wenig später hatte Mario seine Jacke wieder angezogen, war aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen. Perplex sah Björn ihm für einige Momente nur nach. Dann straffte er sich, verabschiedete sich von Anssi und folgte ihm. Vor dem Hotel hatte er Mario schließlich eingeholt. Kurz beobachtete er ihn einfach nur. Mario schien seltsam angespannt zu sein, mit einem fast wütenden Ausdruck auf seinem Gesicht starrte er dabei das Tape um seine Hand an.

„Muss ich dir eigentlich jedes Mal nachlaufen?“, wollte er leise wissen und trat neben Mario.

Überrascht fuhr dieser herum und sah Björn an.

„Tut mir Leid.“

„Was ist los Mario? Deine Hand wird…“

„Wegen ihm habe ich mir die Hand gebrochen Björn!“, meinte Mario ärgerlich. „Nur weil ich mich nicht so verhalten habe wie er es wollte hat er mich geschlagen und ich bin gestürzt! Wann hört das auf? Wann hört das endlich auf?“

„Komm her!“, flüsterte Björn nur und zog ihn fest an sich.

Direkt kuschelte sich Mario auch an ihn.

„Ich pass auf dich auf!“

Leise seufzte Mario daraufhin. Warum hatte er in Björns Armen nur immer das Gefühl, dass wirklich alles besser werden würde?

 

28.12.08 19:46

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